Heute las ich von Alwyn Collinson, der unter dem Twitter-Account @RealTimeWWII die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in Echtzeit twittert (nur eben 72 Jahre später). Im Bericht der NZZ wurde ein Tagespensum von ca. 40 Tweets genannt (Tweetstats hat dagegen 11.3 Tweets täglich gezählt) und Collinson scheint das Ganze ernsthaft 6 Jahre lang durchhalten zu wollen. Der Nachwuchshistoriker twittert er auf Spanisch, Arabisch und Russisch und will dafür auch weitere Helfer gewinnen, die ihm in diesem Projekt unterstützen.

Ob man das ganze nun als einen innovativen Weg zur Vermittlung von Geschichtswissen verstehen möchte, oder das ganze für reine Zeitverschwendung hält kann nun jeder selbst entscheiden. Fakt ist: Heutige Kriege, Gefechte, Demonstrationen, Revolutionen etc. nutzen soziale Netzwerke und Kommunikationskanäle wie Twitter und Facebook um Sichtbarkeit zu erlangen, aber auch um Aktivitäten zu organisieren, z.B. Proteste in Spanien, die ägyptische Revolution oder Occupy Wall Street. Im Gegensatz zum @RealTimeWWII-Projekt ist die Kommunikation hier nicht nur reine Berichterstattung: die Akteure aktueller Auseinandersetzungen interagieren auf miteinander (hierzu gibt es eine Reihe sehr schöner Visualisierungen, z.B. bei gephi), während sich die Tweets von Collinson wohl nicht an die Reaktionen seiner Follower anpassen werden. Wenn ich nun versuche, die Dimensionen zu erfassen, in denen sich solche Bewegungen durch Social Media verändern (die Wortfindung ist hier nicht leicht, da die Politik ja schon sehr genaue Unterschiede zwischen Kampfhandlungen, Kriegen und ähnlichen Begriffen macht), komme ich zu folgenden Aspekten:

  • Geschwindigkeit der Berichterstattung
  • Menge der Berichterstattung
  • Informelle, interpersonelle Kommunikation ohne traditionelle (Massen-)Medien
  • „Rauschen“ durch Vielzahl (teils doppelter/Retweeteter) Nachrichten
  • „Rauschen“ durch Vielzahl paralleler Themen, die durch Social Media kommuniziert werden

Diese Punkte sind mit Sicherheit nicht vollständig (ich bin dankbar für Ergänzungen!), aber besonders der letzte ist für mich ein wesentlicher Aspekt: Im Gegensatz zu den Massenmedien, die zur Berichterstattung von mehr oder weniger entfernten Ereignissen (= Nachrichten) konsumiert werden, mischen sich in Social Media diese globalen Informationen mit Tweets über örtliche Ereignisse, Liebslingsbands, Promis und denen von Bekannten und Freunden. Haben die politisch motivierten Tweets und Twitter-Bewegungen da überhaupt noch eine Chance? (Wie) Verändern sie sich durch den Einsatz von Social Media überhaupt? Oder dienen sie nur den Massenmedien als zusätzliche Informationsquelle und werden von dem „normal-Twitterer“ garnicht aktiv wahrgenommen und verfolgt? Und haben Tweets von kleineren Aufständen überhaupt einen Effekt?

Neben Untersuchungen und Studien, die ich im Bereich der Politik- und Kommunikationswissenschaften angesiedelt suchen und motivieren möchte (Wir freuen uns auch aus diesen Bereichen über Interessierte, die aus Forschungen in diesen Themengebieten berichten können!) nehme ich mir vor, das Projekt von Collinson ein wenig zu verfolgen. Also mache ich eine kleine Momentaufnahme mit der Hilfe von TweetStats und TwitterCounter (Wer auch hier bessere Analytics-Tools kennt: immer her damit!):

Screenshot TwitterCounter am 21.11.2011 zum Profil von @RealTimeWWII

  • 135.110 Follower (+4,040 Follower am Tag)
  • 234 Tweets pro Monat = 11,3 pro Tag
  • keine @Replies

Mal schauen, wie sich das Projekt entwickelt und was/ob Collinson über die Auswirkungen davon berichtet. Da derzeit viel darüber berichtet wird (und ich trage mit Sicherheit hiermit dazu bei), erwarte ich zunächst einen Anstieg, aber wird nach einem oder mehreren, vielleicht sogar 6 Jahren noch jemand daran interessiert sein? Oder geht dieser historische Konflikt dann ebenso unter, wie die vielen kleinen und großen Aufstände und Gefechte, die eine zeitlang Nachrichtenthema Nr. 1 sind, dann aber wieder hinter anderen Ereignissen zurückstehen? Twittert noch jemand über Lampedusa, London Riots oder S21. Die Antwort: Ja tatsächlich tun das noch einige, sogar nicht wenige. Aber registriert es noch jemand?

Referenzen

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