Unter dem Titel „Der Verlust der Stille in Zeiten des Netzes“ hat die Ideengeschichtlerin und Autorin Noga Arikha einen bemerkenswerten Artikel zur gesellschaftlichen Transformation durch das Internet veröffentlicht. Sie schreibt

wir sahen, wie es sich als Ausgeburt vieler Gehirne wie ein Kind entwickelte, ein wandelbares Tier, dessen Eigenschaften zugleich vorhersagbar und unbekannt waren. […] Dann wurde das Geschöpf irgendwie autonom und zu einem gewöhnlichen Teil unserer Welt. Wir sind nicht mehr überrascht und beschäftigen uns nicht mehr mit so viel Metaanalyse. Wir sind abhängig.“

Ein wandelbares Tier, von Menschen erschaffen, entwickelt ein Eigenleben und verlässt die ihm zugedachten Wege – ein Motiv das in der Literatur seit jeher seinen Niederschlag gefunden und die menschlichen Urängste angesprochen hat, wird nach Arikha mit der Internet Realität.  Egal ob Golem, Frankstein oder auch HAL – in der Literatur waren diese Genesen ausnahmslos mit verheerenden Konsequenzen für die Schöpfer verbunden. Für unserem Kontext besonders eindrücklich ist die Bemerkung:

Die von uns geschaffenen Techniken haben zwar immer Auswirkungen auf die wirkliche Welt, aber selten nur hatte eine Technik einen solchen Einfluss auf den Geist.“

Dieser Einfluss ist für viele fühl- und spürbar, in seiner Tragweite jedoch noch nicht greifbar. Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich die Beschleunigung. Die ökonomische und soziale Welt dreht sich immer schneller. Es wird Zeit individuelle und gesellschaftliche Service-Level-Agreements für Latenzzeiten zu definieren. Freiheit entsteht in der Sicherheit der Begrenztheit.

Was mich angeht, so lerne ich, für das Bedürfnis, langsamer zu werden und abzuschalten, Raum zu schaffen.“

Da kann ich Arikha nur folgen.

p.s.: Beruhigend wenigstens: der Artikel zeigt auch, dass es durchaus Geisteswissenschaftler gibt, die sich mit der Netztransformation befassen 🙂

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